Artikel der TA: Gefühlte 97 Prozent Europäer
Quelle: Thüringer Allgemeine Zeitung, Montag 27. April 2009, TA ER2
Am 7. Juni wird gewählt. Der Erfurter Stadtrat, aber auch das siebte Europaparlament. Letzterem widmete sich am Samstag ein Seminar der Hochschulgruppe Junge Europäische Föderalisten im Ratssitzungsaal und rechnete mit gängigen Vorurteilen ab.
ERFURT. Der Zettel ist 93,8 Zentimeter lang und wiegt exakt 17,7 Gramm. “Wenn man alles aneinanderlegt, ergibt das 2019 Kilometer und ein Gewicht von 38 Tonnen. Das ist von Erfurt bis nach Sevilla, sechs Elefanten.” Cornelia Schönfuß steht im Ratssitzungsaal des Erfurter Rathauses und wovon die Leiterin des Landeswahlleiterbüros da spricht, ist der Wahlzettel zur Europawahl. Während draußen das Thermometer auf 20 Grad klettert und vor den Eisdielen Schlangen entstehen, müssen sich die 35 Jugendlichen drinnen vorkommen, als würde jedes Vorurteil über Europa bestätigt.
Regelungswut, Bürokratiemonster, Kulturkiller. “Wir wollen mit diesen Gerüchten aufräumen”, sagt Martin Behrens und wird wütend, wenn er an das berühmte Beispiel der genormten Gurke denkt. “Da wurde mal wieder der Schwarze Peter nach Brüssel geschoben.” Wenig sinnvoll sei das. Europafeindlich. Um solche Vorurteile aus der Welt zu schaffen und möglichst viele Wähler für die Europawahl zu mobilisieren, hat der Sprecher der Hochschulgruppe mit seinem Team das Seminar organisiert. Über dem Podium flimmern die Ergebnisse der Probewahl. Vorne liegen die Grünen, mit großem Abstand folgen CDU, FDP und SPD. Die wenigsten Stimmen hat die Linkspartei. Das Experiment ist, dass jetzt die Diskussionsgruppen mit den Politikern anstehen, dann folgt eine zweite Abstimmung. Über zwei Stunden wird wahlgekämpft. Die Jugendlichen wandern von Gabriele Zimmer (Linke) über Dirk Adams (Grüne), Holger Poppenhäger (SPD) und Matthias Purdel (FDP) bis hin zu Michael Hose (CDU) und leisten wahre Arbeit. Es geht über Agrarsubventionen, den Vertrag von Lissabon und einen europaweiten Mindestlohn. “Mir ist da vieles klarer geworden”, meint Teilnehmer Sascha Brose anschließend. Er habe beim zweiten Wahlgang anders gestimmt. Nora Anschütz sieht das ähnlich “Die Diskussionsrunde war das Lohnendste.”
Und tatsächlich: Als die Ergebnisse des zweiten Wahldurchlaufs angestrahlt werden, hat sich vieles bewegt. Sowohl CDU als auch Linke haben verloren. Die SPD schließt zu den Grünen auf. Für SPD-Mann Poppenhäger stand schon vorher fest, dass die Veranstaltung der richtige Ansatz ist. Es gebe da diese Umfrage, in der die Leute gefragt werden, ob sie sich mit Europa identifizierten. Letztes Jahr lagen die Zahlen bei 44 Prozent. “Aber nach dieser Veranstaltung habe ich das Gefühl, dass die Zahl eher bei 97 Prozent liegen sollte.”
Thomas SCHMELZER
